Der verschwundene Leuchter
Kaum hat Peter Honegger die Zunftstube betreten, gerät er ins Schwärmen. «Man kann nicht genug betonen, wie grossartig es ist, dass sich unsere prachtvolle Stube 300 Jahre lang ohne grössere Veränderungen erhalten hat.» Die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte schreibt über den Saal: «Eines der schönsten Intérieurs des frühen 18. Jh. in Bern.»
Die Zunftstube
1596 bezog unsere Gesellschaft ihr Haus an der Kramgasse 29, doch erst 1720/22 erhielt das Gebäude seine heutige Form. Es war ein Werk des Architekten Niklaus Schiltknecht, dem Erbauer der Heiliggeistkirche. Gemäss Peter Honegger besonders hervorzuheben: die Fassade auf Seite Kramgasse. «Die feine, raffinierte Gliederung macht sie zu einer der schönsten und bedeutendsten Fassaden des ausgehenden Hochbarocks in Bern.»
Beim Umbau 1720/22 erhielt die Zunftstube ihre reich profilierte Nussbaumvertäfelung. Doch so schön diese auch war, die Vorgesetzten waren nicht nur zufrieden, wie Peter Honegger erzählt: «Mit der dunklen Vertäfelung war es ihnen in der Stube zu finster.» Zu Lösung des Problems wurden verschiedene Holzelemente vergoldet. «Das Gold reflektierte das Licht, es wurde heller.» Besonders angetan haben es Peter Honegger die goldenen Kapitelle im Raum. «Es ist denkbar, dass sie später aufgesetzt worden sind», erklärt er.
Von der Vertäfelung schweift Peter Honeggers Blick auf den gläsernen Biedermeier Leuchter. «Er kam um etwa 1800 in unsere Zunftstube. Die Korbform, die ihn auszeichnet, war damals grosse Mode.» Dass der Leuchter heute noch in der Stube hängt, ist keine Selbstverständlichkeit. «Etwa um 1950 war er plötzlich weg», erklärt Peter Honegger. Der Grund: Wiederum war es den Vorgesetzten in der Stube zu finster. Als ein Mitglied des Vorgesetzen-Botts einen prächtigen, lichtstärkeren Maria Theresia Kronleuchter spendierte, wurde der bisherige Leuchter abgehängt. «Und verschwand, niemand wusste, wo-hin», sagt Peter Honegger. Erst gut 30 Jahre sei er wieder aufgetaucht: «Er wurde vom Auktionshaus Sotheby’s in Zürich angeboten. Das Foto im Auktionskatalog zeigte unsere Zunftstube samt Leuchter.» Da eine Rückgabe auf dem Rechtsweg nicht durchsetzbar war, wurde der Leuchter ersteigert. Er wurde umgebaut, damit er etwas mehr Licht spendete, und wieder aufgehängt.
Peter Honegger
Peter Honegger ist das geschichtliche Gewissen der Gesellschaft zu Kaufleuten. Der studierte Kunsthistoriker trifft sich regelmässig zum Gespräch mit Christoph Bussard und erzählt im «Chrämers Bote» die Geschichte unserer Gesellschaft
Autor: Christoph Bussard